Martin Luther King jr., Malcolm X (beide USA) und Nelson Mandela (Südafrika) hatten alle die gleiche Vision: das friedliche Zusammenleben von Schwarz und Weiß. Das war auch meine Vision.

Denn auch ich bin in einem System aufgewachsen, in dem die Trennung von Schwarz und Weiß unangefochten feststand. "Schwarz" war "böse", "Weiß" war "gut". Doch selbst unter Weißen gab es eine weitere scharfe Trennlinie: Männer waren "schlecht", Frauen waren "gut". Und auch das war noch nicht alles. Wenn gar nichts mehr half, waren alle anderen Menschen "schlecht" und "böse" und nur eine Person war "gut."

Das System, das ich meine, nennt sich "Borderline Persönlichkeitsstörung", bei der das einzig Stabile die Instabilität ist: Instabilität des Selbstbildes, des Weltbildes und der zwischenmenschlichen Beziehungen, wechselnde Vorlieben und Abneigungen etc.

Borderline erkennt man auch und vor allem an der so genannten inneren Spaltung der Betroffenen, die dafür sorgt, dass sie auch ihr Umfeld aufspalten (z. B. in nur "gut", nur "böse", manchmal auch beides im fliegenden Wechsel). Diese Spaltung beruht, soweit ich weiß, auf der Abspaltung bestimmter Gefühle den Menschen gegenüber, von denen sie emotional hochgradig abhängig waren und von denen sie gleichzeitig schwer misshandelt/missbraucht wurden.

Leider ziehen die Misshandlungen, die Borderliner selbst erlebt haben, weitere nach sich. Vor allem für Kinder ist die Borderline- Welt unvorhersehbar und alles andere als verlässlich. Denn was heute "richtig" ist, kann morgen schon "falsch" sein. Was am Nachmittag noch galt, verliert abends seine Gültigkeit. Und am nächsten Morgen sieht schon wieder alles anders aus. Das innere Chaos Betroffener wirkt sich auf ihr Umfeld aus.

Der Selbsthass von Borderlinern gilt eigentlich ihren einstigen Peinigern. Der Spaltung wegen (um etwa die misshandelnde Mutter als liebende Mutter, den sexuell missbrauchenden Vater als fürsorglich wahrnehmen zu können) mussten sie diesen Hass gegen sich selbst richten. Das gebot die absolute Abhängigkeit von den Personen, die für das Wohlergehen ihrer Kinder/Schutzbefohlenen zuständig sind und die sich gleichzeitig an ihnen vergriffen.

Daraus erklärt sich, dass Borderliner Schwierigkeiten damit haben, sowohl positive, als auch negative Eigenschaften an den Menschen in ihrem Umfeld wahrzunehmen. Dieses "Entweder- Oder" integriert nicht alles, was eine Person ausmacht. Es führt dazu, dass Andere idealisiert oder aber entwertet werden oder beides im heißkalten Wechsel.

Wer jemals den nach außen gerichteten Selbsthass eines Borderliners erlebt hat, bekommt eine Ahnung davon, mit wie viel Hass der Betroffene einst selbst konfrontiert war. Es geht um die totale Vernichtung, den "totalen Krieg". Nach einem wahren Boderline- Wutanfall wächst (in Beziehungen) kein Grashalm mehr.

Für das Umfeld ist es schwierig bis unerträglich, den wechselnden "Launen" Betroffener ausgeliefert zu sein. Die damit verbundenen emotionalen Achterbahnfahrten sind mehreren meiner Bekannten, wie auch mir selbst aus vergangenen Borderline- Partnerschaften und aus innerfamiliären Borderline- Strukturen vertraut.

Ein Teil meiner persönlichen Erfahrungen mit Borderline fließt in mein erstes Buch mit ein. Borderline zieht dir genau dann den Boden unter den Füßen weg, wenn du den Rückhalt der/des Betroffenen am meisten bräuchtest. Du greifst in die Leere. Und Borderline klammert sich genau dann extrem an dich, wenn du frei atmen und deiner Wege gehen willst.

Die Auswirkungen der inneren Spaltung Betroffener zeigen sich unter anderem auch in ihrem gespaltenen Verhältnis zu zwischenmenschlicher Nähe: einerseits sehnen sie sich dringend danach und scheinen beinahe mit dir verschmelzen, deine Identität annehmen, ein Teil deines Selbst werden oder dich zu einem Teil ihres Selbst machen zu wollen (Symbiose). Andererseits können sie die Nähe nicht ertragen und stoßen dich heftig von sich aus Angst, sich verletzbar zu machen, wenn es ihnen trotz ihres Wunsches nach Verschmelzung zu nahe wird.

Da wird aus dem eben noch freundlichen oder gar verliebten Menschen ein Raubtier, dass dein empfindsames Herz verletzt. Borderliner sind in meinen Augen emotional Schwerstverletzte, die ihre eigene Verletztheit am Umfeld ausagieren. Sie zeigen unbewusst die unvorstellbare Gewalt an, die ihnen selbst widerfahren ist. Ich glaube, dass es Heilung geben kann, wenn sie sich ihren eigenen Verletzungen stellen.

Besonders erstaunt und auch fasziniert hat mich immer das regressive Verhalten Betroffener, die nach außen hin erwachsen und reif wirken, die sich in ihren nahen Beziehungen allerdings als Kinder im Erwachsenenkostüm offenbaren. Da kommt das ganze Repertoire eines emotionalen Kleinkindes zum Vorschein: Trotz, extreme Wut und beleidigte Rückzüge stellen das Bild, das Betroffene auf den ersten, oberflächlichen Blick abgeben, völlig auf den Kopf. Meist folgt dem Wegstoßen des Gegenüber durch Wut und Trotz ein kindliches Klammerverhalten aus Angst vor dem Verlust des Anderen.

Genau im kindlichen Verhalten liegen aber auch Talente verborgen: manche Borderliner verfügen über das Talent, abenteuerliche und phantasievolle Geschichten zu erzählen. Andere komponieren wundervolle Lieder, werden Künstler, Schauspieler, Sänger, Unterhalter. Kreativität scheint unter Betroffenen weit verbreitet zu sein, weil sie die Welt mit Kinderaugen sehen und naiv auf alles Neue zu zu gehen (jeder Tag ist ja ein Neubeginn in ihrem Leben).

Ich schreibe hier über die mir bekannten Borderliner und über das, was Bekannte mir über "ihre Bordies" berichtet haben, worüber die Verallgemeinerungen nicht hinwegtäuschen sollen. Das nur am Rande- ein gutes Stichwort:

Borderliner leben am Rande menschlicher Existenz. Sie leben im Augenblick und scheinen weder Vergangenheit, noch Zukunft zu kennen. Sie nähren ihr Selbstgefühl und ihr Selbstwertgefühl nicht aus sich selbst, sondern vielmehr aus dem, wie Andere sie sehen. Vor anderen Menschen das erwünschte Bild abzugeben, scheint ihnen sehr, sehr wichtig zu sein. Die Attribute, die Andere ihnen dann "anhängen", benutzen sie zur Selbst- Beschreibung- ungeachtet dessen, dass Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung inkongruent sein können.

Borderliner nähren ihr Selbstgefühl und ihr Selbst- Wertgefühl nicht aus dem, was einmal war, sondern sie müssen es immer wieder neu auffüllen. Sie zehren nicht von vergangenen Leistungen, Errungenschaften, Komplimenten oder Belegen für ihr Können und erst recht nicht aus ihrer inneren Überzeugung heraus/Selbstwahrnehmung. Sie beweisen sich immer wieder neu, als wäre ihre "emotionale Erinnerung" von einem Tag zum nächsten ausgelöscht.

"Wenn schon ich selbst nicht weiß, wer ich bin, dann sage du mir es."

Ihre Identität diffundiert immer wieder. Sie können sich beinahe jedem Gegenüber anpassen, ohne selbst Profil zu zeigen und greifbar zu sein, was auf ihre Lebensgeschichten zurückgeht. Sie sind menschliche Chamäleons und wirken wie Projektionsflächen für die Wünsche und Bedürfnisse anderer Menschen oder für das, was sie für die Wünsche Anderer halten.

Auf die direkte Frage, wer sie sind, wenn sie es nicht für andere Menschen sind, erhielt ich von mehreren Betroffenen diffuse und ausweichende Antworten, als hätten sie keinen Charakter, den sie beschreiben könntem und der unterschiedliche Begegnungen, Erfahrungen, sowie "Epochen" in ihrem Leben überdauert. Das Einzige, was alles überdauert, ist die Borderline Persönlichkeitsstörung, die dafür sorgt, dass mehr oder weniger immer das Gleiche geschieht im Leben Betroffener.

Mitunter dissoziieren Borderliner als ein Relikt ihrer schwersttraumatischen Erfahrungen. Sie sind dann emotional nicht erreichbar, nicht ansprechbar, nicht anwesend in der Realität. Sie verlassen auf gewisse Weise ihren Körper, der zwar da ist, aber dessen "emotionaler Inhalt" für Augenblicke in weite Ferne rückt. (Eine der Erklärungen hierfür findet sich wahrscheinlich im sexuellen Missbrauch wieder, dem sehr viele Betroffene zum Opfer gefallen sind und bei dem sie, um das Ganze zu ertragen, "ausgestiegen" sind).

Borderliner scheinen einen äußeren Rahmen dringend zu brauchen und die Erwartungen Anderer an sie zu erfüllen, um nicht auszuufern oder in schwerste Depressionen zu gleiten. Die mir bekannten Betroffenen haben extreme Probleme mit dem Alleinsein und dem gleichzeitigen Nichtstun (z. B. allein in den Urlaub fahren, stundenlang untätig am Ufer eines Sees oder auf einer Wiese sitzen), Nicht- Aktiv sein. Was für uns Erholung ist, ist für sie eine Qual. Sie finden keine Ruhe in sich selbst, was wahrscheinlich auf ihrer so genannten inneren Leere beruht.

Was ist innere Leere?- Das ist ein Zeichen schwerer Depressionen. Wie es sich anfühlt, immer "leer" zu sein, kann man als Gegenüber nur erahnen, nie selbst nachempfinden, wenn man nicht ebenfalls Borderliner ist. Woher kommt der Druck, der zur Selbstverletzung oder aber zu nervösem Treiben, zum Arbeiten und Ausgehen bis zur totalen Erschöpfung, zum chronischen Davonlaufen führt?

Ich meine, er kommt aus der Angst, von der eigenen Vergangenheit, die die Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit und unendlichem Schmerz beinhaltet, überwältigt zu werden. Und er kommt aus der Trauer. Denn hinter der Wut steckt die Trauer. Im eigenen Schmerz ein Leben lang um sich zu schlagen, mag eine Form sein, ihn kurzfristig loszuwerden. Besser aber ist es, ihn zu erkennen und das Dagewesene aufzuarbeiten, denn es kommt ohnehin immer wieder durch und trifft Andere...

Schmerz, den wir zulassen, um ihn noch einmal zu durchleben, lähmt uns temporär, aber er tötet uns nicht. Seine Überwindung macht uns stärker und schont vor allem unser Umfeld, weil wir ihn dann nicht mehr unbewusst an Anderen ausagieren.

Eine Störung des Verhaltens ist wahrscheinlich viel leichter zu "korrigieren" als eine so genannte Persönlichkeitsstörung. Es müsste ja der gesamte Mensch umgeformt werden mitsamt seinem Selbstbild und Weltbild, was meinen Erfahrungen nach nur die Liebe vermag.

Denn die Liebe verändert spürbar unser Wesen und damit unsere Einstellung uns selbst, anderen Menschen und der Welt gegenüber. Die Liebe schichtet uns um. Sie rückt die unbrauchbaren Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen weit nach unten und holt das Positive und Konstruktive in uns hervor. Die Liebe lässt uns wachsen und erwachsen werden.

Ob sie bei so schweren Störungen greift, ist fraglich. Denn es ist nicht die Liebe von außen, die einen "neuen Menschen" aus uns macht, sondern die im eigenen Innern. Wenn der Selbsthass stärker ist als die Selbstliebe, die ein Mensch nie in sich errichten und pflegen konnte, bleibt er wohl ein Leben lang Gefangener seiner Vergangenheit. Ein kleines Fünkchen Selbstliebe genügt jedoch, um sich aus Vergangenem zu befreien.

In der Liebe ist alles eins. Das einst Getrennte wächst zusammen. Es gibt keine Spaltung.

Die Liebe meint nie nur Teilaspekte, sondern immer das Ganze und den Menschen als Ganzes. Wie könnte jemand seine Kinder lieben, wenn er sich selbst nicht ganz angenommen hat und liebt, wie seinen Partner, wie die Fauna und Flora, wie andere Menschen und die Welt?

Können Borderliner/Psychopathen/Mobber/... lieben?

Selbstverständlich nicht. Liebe kommt aus uns selbst.

"Ich liebe dich" heißt : "Ich kann dich lieben, weil ich mich selbst, alle Menschen und die Welt liebe".... es ist die grundsätzlich positive Lebens- Einstellung, die Menschen zu Liebenden macht. :)

Esther unplugged

 

P.S.: Ein Beispiel für Nicht- Liebe/Abhängigkeit: "Ich liebe dich, weil du mich liebst."

Liebe ist etwas Eigenes. Sie ist unabhängig, frei und aktiv, nicht re- aktiv. Ich kann dich lieben, ohne dass du mich liebst. Sogar, wenn du mich verachtest, verleumdest, diffamierst, demütigst, entwürdigst, denunzierst, angreifst und hasst, kann ich dich lieben, weil ich mich selbst liebe.

 

- Dieser Beitrag stellt nur einen Bruchteil meiner nahezu lebenslangen Erfahrungen mit Borderline dar und die daraus resultierende Quintessenz meines eigenen Lebens: "... weil ich mich selbst liebe."

 

Mehr unter der Seite, die sich aktuell im Umbau befindet: "www.estherbläsing.de" und im kommenden Monat dann in meinem ersten autobiografischen Buch.